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16. Jahressonntag

Thema: Unkraut im Weizenfeld
Lesg./Ev.: Mt 13,24-30
gehalten am 17.07.1999 18:30h in Pressath, 18.07.1999 7:30h in Pressath und 9:00h in Eschenbach
von E. Gottsmann, OStR

Evangelium

24 Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. 26 Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. 27 Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? 28 Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? 29 Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. 30 Laßt beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.

Predigt

Liebe Christen!

Nach einem besonders unerfreulichen Erlebnis mit einem Mitmenschen, den ich innerlich als „absoluten Kotzbrocken" bezeichnet habe, ist ein nicht gerade christlicher Gedanke in mir hochgekommen.

Wie wäre es, wenn es in meiner Macht stünde, mit einem besonders starken Willensakt diesen unliebsamen Menschen einfach in Nichts zu verwandeln, wie es Science-Fiction-Fans von einer Laser-Kanone kennen?

Zugegeben, die Idee hat mir - aus der angestauten Wut heraus - recht gut gefallen. Aber konsequent weitergedacht, würde die Sache nicht besonders gut funktionieren. Denn hätte ich solch eine Vernichtungsmöglichkeit, dann hätten sie ja sicher auch die anderen Menschen. Wissen Sie, was dann passieren würde? Es bliebe keiner mehr übrig, Sie nicht und ich auch nicht - wahrscheinlich nicht einmal mehr der liebe Gott.

Aber Spaß beiseite: dieses Gedankenspiel ist nämlich gar keine Phantasie - es ist schon oft Wirklichkeit geworden.

Jesus selbst wurde Opfer eines solchen „Spiels". Die Geschichte zeigt, daß es immer schon üblich war, mißliebige oder unbequeme Menschen zu „eliminieren", „auszuradieren", wenn man dazu nur die Macht und die Möglichkeit hatte. Und das ist nicht nur aus purer Bösartigkeit geschehen: oft, sehr oft glaubte man damit Gott - oder zumindest der Menschheit - damit einen Gefallen zu erweisen.

Wie ist so etwas nur möglich? Was muß in der Psyche der Menschen vorgehen, ein solches Vernichtungswerk als gerechtfertigt oder sogar als sittlich notwendig anzusehen?

Die Gründe sind sicher sehr unterschiedlich, und daher nur ein paar Ideen:

Wir Menschen neigen dazu, die Wirklichkeit durch unseren Verstand in Gegensätze aufzuspalten. Natürlich besteht die Welt aus Polaritäten, und das muß so sein. Männliches und weibliches Prinzip - positive und negative Ladung - Licht und Dunkel - Entstehen und Vergehen - Arbeit und Muße: all diese Gegensätze gehören untrennbar zusammen, sind eine „Kontrastharmonie". Und trotzdem akzeptieren wir immer wieder nur den einen Pol, den wir für positiv halten, und lehnen den anderen ab.

Greifen wir ein Beispiel heraus:

Die Aggressionskraft wird von manchen Christen als störend, ja sogar als böse empfunden. Ihr christliches Ideal wäre das sanfte Lamm, das auch auf die größten Unverschämtheiten nicht mit einem Wutanfall reagiert; das sogar körperliche Gewalt mit einem milden Lächeln erträgt (ob in diese Reihe nicht der heilige Laurentius gehört, der sich nach der Legende mit harmlosen Witzchen auf den Lippen widerstandslos von brutalen Folterknechten hat rösten lassen?).

Wir wissen heute, daß solch eine Haltung ganz und gar nicht ideal, und erst recht nicht christlich ist. Die Aggression ist in jedem Menschen angelegt; sie ist so notwendig, wie ein Motor fürs Auto. Denn dieselbe Aggressivität, die uns das Zusammenleben oft so schwer macht, befähigt auf der anderen Seite zu kulturellen und gesellschaftlichen Leistungen, von der alle profitieren können.

Würde man die Aggression künstlich unterdrücken, verschwände sie dadurch nicht einfach, sondern würde irgendwann entweder unkontrolliert wie ein Vulkan hervorbrechen (meistens erwischt es dann Unschuldige) oder - schlimmer noch - allmählich und unmerklich den Besitzer selbst zerstören. Die Kunst besteht aber darin, Herr über diese gewaltige Kraft zu sein. Der griechische Ausdruck für Sanftmut (praótes), der beispielsweise in der Bergpredigt vorkommt, meint genau diese Fähigkeit, seine Aggression in Griff zu haben, und nur dann einzusetzen, wenn es wirklich nötig ist.

Diese Fähigkeit unseres Verstandes, die Polaritäten der Einen Wirklichkeit zu erkennen, ist im Grunde nichts Schlechtes, im Gegenteil! Sie ermöglicht uns beispielsweise Fortschritte in Naturwissenschaft und Technik, und ohne sie würden wir heute noch vor einer Felsenhöhle sitzen oder uns von Ast zu Ast schwingen.

Aber auch diese Fähigkeit hat einen Gegenpol: sie sieht nicht die Einheit des Ganzen, sondern nur kleine Teilbereiche der Wirklichkeit. Schlimmer noch: der Verstand mit seinen festen Vorstellungen und Begriffen wirkt wie ein Filter, durch den die Wirklichkeit gar nicht mehr gesehen werden kann. Dann geht die Fähigkeit verloren, sich immer neu vom Leben und seinen vielfältigen Äußerungen überraschen zu lassen; dann lebt man in einer selbstgebastelten, toten Scheinwelt, die im Extremfall mit der Wirklichkeit des Lebens überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Besonders bei religiösen Gruppen kann man diese ideologischen Scheuklappen beobachten. Sie messen die anderen an ihren engen, wirklichkeits- und lebensfremden Gedankenbildern und lehnen alle ab, die diese nicht übernehmen wollen. Wieder andere pflegen eine besonders strenge Moralität und erwarten infolgedessen, daß auch andere sich ihre Tugend-Vorstellungen zu eigen machen. Wenn sie das nicht tun, werden sie als „Sünder und Unreine" bekämpft - es wird ein „Feindbild" aufgebaut, das bei entsprechender Macht bis zur Vernichtung des anderen führen kann, wie viele Beispiele aus der Inquisitionsgeschichte unserer Kirche zeigen.

Von all dem finden wir bei Jesus nichts. Im heutigen Evangelium legt er die Gründe dar, warum er seinen Kreis nicht abgrenzt, sondern betont offenhält für alle möglichen Menschentypen. Wie immer illustriert er seine Einstellung durch die bildhafte Geschichte vom Unkraut im Getreidefeld.

Wenn die Getreidesaat und der giftige Taumellolch - wahrscheinlich ist diese Pflanze mit "Unkraut" gemeint - wenn beide einmal zusammen aufgegangen sind, dann ist es sinnlos, das Unkraut auszureißen. Der Bauer weiß aus Erfahrung, daß die Wurzeln des Lolchs mit denen des Weizens bereits so verflochten sind, daß man beide nicht von einander trennen kann, ohne den Weizen zu schädigen. Natürlich muß man irgendwann das Unkraut aussortieren, weil es für Mensch und Tier schädlich ist. Aber dafür gibt es eine bewährte Methode: Bei der Ernte, beim Schneiden mit der Sichel läßt man Unkraut und Weizen zusammen auf den Boden fallen, dann sammelt man den Lolch und bindet ihn in Büschel, die bei der Holzarmut Palästinas als Brennmaterial dienen können. Den Weizen aber holt man heim und bringt ihn in die Scheunen.

Warum also macht Jesus nicht „reinen" Tisch unter seinen Anhängern? Er sagt: „Ich tue es nicht, weil ich die Menschen besser kenne als ihr. Wenn es schon bei manchen Pflanzen schwierig ist, Kraut und Unkraut zu unterscheiden, wieviel komplizierter ist es bei Menschen! Wer kann einem anderen schon ins Herz schauen? Die Welt soll meine Jünger daran erkennen, daß sie nicht fanatisch für „absolute Reinheit" in ihren eigenen Reihen sorgen, sondern daß sie Liebe zueinander haben. Und - wer würde behaupten können, daß im eigenen Herzen kein Unkraut wuchert?

Überlaßt die endgültige Scheidung der Geister Gott selbst. Nur er hat den Überblick darüber, was wirklich böse und wirklich gut ist. Sein Maßstab für gut und böse ist völlig anderer als der menschliche. Für ihn ist gut, was in der Kraft der Liebe eint - schlecht, was egoistisch von der Liebe, also von ihm selbst, abspaltet und absondert. Nur er hat die Macht, durch das verwandelnde „Feuer" der Liebe auch das Böse letztlich in Licht und Wärme - also in Liebe zu verwandeln.

Seid daher dankbar, daß Gott anders denkt als ihr; und daß er gerade auch aus Gewächsen, die euch wie pures Unkraut erschienen sind, Frucht gewinnen kann!"

AMEN

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