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Taufe Jesu 2000

Thema: Religiöse Entwicklung Jesu?
Lesung / Evangelium: Mk 1, 7-11
gehalten am 09.01.2000 09:00h ESB
von Eberhard Gottsmann, OStR

Evangelium

Mk 1,7 Johannes verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. 8 Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.
9 In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. 10 Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, daß der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. 11 Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.

Predigt

Liebe Christen!

Das eben gehörte Evangelium wirft bei mir eine interessante Frage auf: Gab es bei Jesus eine religiöse Entwicklung, oder hatte er - sozusagen von Geburt an - göttliche Allwissenheit und Allmacht, wie sicher die meisten Christen zu glauben gewohnt sind. Gefördert durch entsprechende Unterweisung im Religionsunterricht oder in Predigten neigt fast jeder dazu, in Jesus sozusagen einen in menschliche Haut geschlüpften Gott zu sehen. Zwangsläufig kommt dabei zu kurz, daß Jesus unseresgleichen, ein „wahrer Mensch" also, war.

Es gibt aber eine Menge Hinweise dafür, daß auch Jesus nicht allwissend war, ja gehörig zu lernen hatte. Wenn es bei Lukas heißt: „Jesus aber wuchs heran, und seine Weisheit nahm zu", dann bedeutet das nichts anderes! Auch was seine negative Einstellung zu Nichtjuden betrifft, mußte er erst einmal dazulernen (erinnern Sie sich an die Syrophönizierin, die Jesus zunächst nicht heilen wollte). Es gibt auch Anzeichen dafür, daß Jesus erst allmählich klar wurde, welche Aufgabe Gott für ihn vorgesehen hat. Die Taufe scheint dabei eine ganz besondere Rolle gespielt zu haben.

Aber der Reihe nach! Sicher war Jesus als junger Mann so etwas wie ein religiöser Außenseiter und Einzelgänger, der die Überlieferungen („das, was zu den Alten gesagt worden war") nicht einfach kritiklos hingenommen hat.

Es ist auch anzunehmen, daß er sehr früh auf Johannes den Täufer aufmerksam wurde und die Begegnung mit ihm gesucht hat. Aber auch ihm gegenüber war er kritisch eingestellt: er hat zwar den Grundgedanken des Johannes übernommen, daß eine Zeit der Entscheidung angebrochen ist und daß der Wille Gottes mit allen Kräften verwirklicht werden muß. Aber er hat sich gleichzeitig von dessen strengem Gottesbild distanziert.

Für Jesus war Gott kein erbarmungsloser Richter, der Schrecken verbreitet und dem man nur zitternd und büßend nahen darf - für ihn war er ein barmherziger, liebender Vater, der auf seine verlorenen Kinder wartet, um sie in seine Arme zu schließen und mit ihnen ein Freudenfest zu feiern.

Jesus traute diesem Gott zu, daß er die Menschen liebt, ohne daß sie es sich verdienen mußten; daß er ihnen vergibt, ohne ihre Bußwerke zu zählen; daß er sie heilt, wenn sie ihre Angst und ihr Mißtrauen überwinden und alles von seiner Güte erhoffen.

Und das ist es, was Gott bei der Taufe im Jordan bestätigt: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden" - du liegst richtig, so gefällst Du mir, deine Gedanken sind meine Gedanken! Diese Bestätigung, diese innere Gewissheit war ja schließlich nur deshalb nötig, weil sich Jesus anscheinend nicht ganz sicher war, ob nicht vielleicht doch Johannes die rechte Vorstellung von Gott hatte.

Das Bild des Markus, daß der Geist Gottes wie eine Taube auf Jesus herabkam, erinnert an die Taube, die nach der Sintflut-Katastrophe mit einem Ölzweig im Schnabel zu Noach flog, um ihm zu melden, daß die Zeit des Gerichtes vorbei und Gott mit seiner Schöpfung versöhnt ist. Aber bitte: diese Erzählung ist keine Reportage, die man hätte filmen können! Markus versucht mit literarischen Mitteln deutlich zu machen, was in Jesus vorgegangen sein mußte! Hätten das damals alle Umstehenden mitbekommen, müßte man sich fragen, warum in der Folge so wenig Menschen an ihn geglaubt haben und warum auch Johannes an Jesus unsicher geworden ist.

Als einer, der zur inneren Gewißheit und Klarheit gekommen ist, steigt Jesus aus der Taufe und weiß, welche Aufgabe ihm Gott zugedacht hat. Nach einer 40-tägigen Besinnung (man könnte auch Exerzitien dazu sagen) beginnt er mit seiner öffentlichen Wirksamkeit.

Aber auch diese innere Überzeugung blieb in den folgenden Jahren nicht unangefochten. „Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden" heißt es im Hebräerbrief. Und das heißt nichts anderes, als daß auch Jesus immer wieder unsicher wurde und Bestätigung brauchte. Denken Sie nur an die Stelle, wo er nach dem Mißerfolg in Galiläa seine Jünger fragt, wie sie ihn sähen!

Aber zurück zur Tauferzählung des Markus. Jesus fühlte sich also von Gott bestätigt, daß er mit seinem Gottesbild, mit seiner Vorstellung von Gott als der unendlichen, ewigen, unverlierbaren Liebe richtig liegt. Wie aber sieht es bei uns selbst aus? Welche Vorstellungen von Gott haben wir, die Anhänger Jesu?

Eine ganze Reihe von uns sind doch eigentlich gar nicht Jünger Jesu, sondern eher Jünger des strengen Johannes! Mit ihrem alttestamentlichen Gottesbild, mit ihrer Angst vor Gott, mit ihrer Vorstellung, man müsse sich den Himmel durch Gebete und gute Werke erst verdienen, mit ihrer Furcht vor Strafe und vor dem schrecklichen Endgericht sind sie von Jesus und seiner Frohbotschaft anscheinend überhaupt nicht beeinflußt.

Wie wäre es aber, wenn wir uns der Überzeugung Jesu anschließen würden? Dazu müßten wir aber sozusagen mit Jesus in das Jordanwasser hineinsteigen: wir müßten völlig neu denken lernen; die alten Neigungen,Vorstellungen, die Angst vor Gott und das alte Mißtrauen ihm gegenüber ertränken, sterben lassen! Wir müßten auch mit Jesus in die Wüste gehen, das heißt, alle überflüssigen Dinge hinter uns lassen, die uns nur von Gott und unserer letzten Bestimmung ablenken.

Aber diesen Schritt zu tun, scheint nicht so einfach zu sein.

Vor längerer Zeit besuchte eine Frau zum ersten Mal einen unserer Bibelkreise - und zugleich zum letzten mal - sie kam nie wieder. Erst sehr viel später habe ich den Grund erfahren. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, das Bild vom gütigen und immer liebenden Gott, das durch unser Bibelstudium deutlich wurde, anzunehmen, „weil ja dann alles falsch gewesen wäre, was ich seit frühester Kindheit für richtig gehalten habe".

Wie merkwürdig verhalten wir Menschen uns doch! Lieber bis zum Lebensende unerlöst bleiben, weiterhin in Angst vor Gott und seinem Gericht leben, sich weiterhin durch Gebets- oder andere Leistungen den Himmel zu verdienen suchen, als einfach „in den Jordan zu steigen", umzudenken, die Einstellung Jesu vom stets liebenden Vater zu übernehmen und zum Mittelpunkt unseres Lebens und unserer Hoffnung zu machen!

Lassen wir uns doch von Jesus anstecken! Bitten wir um einen Glauben, ein Gottvertrauen, das stärker ist als alle Sündenangst und alles Mißtrauen! „Wer glaubt, ist selig" oder anders ausgedrückt: „Wer zum Vertrauen findet, der ist erlöst", dem geht es gut!

AMEN

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